Chigozie Obioma

Das Weinen der Vögel

"Du musst wirklich viel lesen, wenn du schreiben willst." Diesen Rat gibt der Jungstar der afrikanischen Literatur all jenen mit auf den Weg, die ihm nacheifern wollen. Und das ist gar nicht so einfach: Gleich mit seinem ersten Buch "Der dunkle Fluss" (Aufbau Verlag) landete Chigozie Obioma 2015 einen weltweiten Bestseller. Das Buch ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt, von Literaturkritikern auf der ganzen Welt gelobt und mit Preisen überhäuft worden. Im Jahr 2018 wurde das Werk zudem als Theaterstück adaptiert, das mit großem Erfolg auf verschiedenen Bühnen in Großbritannien und in USA lief.

Der Roman erzählt die packende Geschichte von Benjamin und seinen Brüdern, die in der nigerianischen Stadt Akure aufwachsen. Als der Vater beruflich versetzt wird und die Familie nur noch unregelmäßig an den Wochenenden sehen kann, entgleitet der Mutter die Kontrolle über die heranwachsenden Söhne. Angestachelt von einem geistig verwirrten Nachbarn, dem selbst ernannten Propheten Abulu, geraten sie in eine Spirale der Gewalt, die in einer Tragödie mündet. Obioma schildert eine sich auflösende Familie vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die im Aberglauben gefangen ist - und zeichnet damit ein kritisches Bild des heutigen Nigeria.

Der Roman trägt autobiografische Züge, denn Obioma selbst wurde 1986 selbst als fünftes Kind in eine Familie mit elf Brüdern und Schwestern hineingeboren. Er wuchs in Akure, dem Schauplatz seiner Geschichte, auf, verließ seine Heimat nach dem Schulabschluss jedoch, um Englisch an der Internationalen Universität von Zypern zu studieren. Später erwarb er in den USA einen Master-Abschluss an der Universität von Michigan und unterrichtet mittlerweile Kreatives Schreiben und Belletristik an der Universität von Nebraska.

Der dunkle Fluss

Im Jahr 2019 legte er mit "Das Weinen der Vögel" (Piper Verlag) seinen zweiten Roman vor, eine Liebesgeschichte, die durch die Standesunterschiede zwischen einem Bauernsohn aus Nigeria und einer Tochter aus besserem Haus tragisch endet. Durch einen erzählerischen Kniff gibt Obioma dabei tiefe Einblicke in die Stammeskultur der in Nigeria ansässigen Ethnie der Igbo, denn das Geschehen wird aus der Sicht des Schutzgeistes wiedergegeben, der über den Protagonisten wacht. Damit macht der Autor den Zwiespalt zwischen Aberglauben und Aufklärung, Tradition und Moderne sichtbar, der die Gesellschaft in Nigeria bis heute prägt.

Für seine beiden Romane stand Obioma auf der Shortlist des Man Booker Prize. Ferner wurde er für sein Debüt mit dem Los Angeles Times Book Prize ausgezeichnet und erhielt für "Das Weinen der Vögel" im Jahr 2020 den Internationalen Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt. Der Preis wird seit 2009 für einen Titel der internationalen Gegenwartsliteratur und dessen Erstübersetzung ins Deutsche vergeben. Er ist mit 35.000 Euro dotiert und wird anteilig dem Autor und dem Übersetzer zugesprochen. Initiatoren sind das Haus der Kulturen der Welt in Berlin und die Stiftung Elementarteilchen.