Tsitsi Dangarembga

Überleben

Bildung ist nicht selbstverständlich für ein Mädchen aus Afrika. Diese Erfahrung hat die 1959 im heutigen Simbabwe geborene Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga schon früh machen müssen. Zwar waren ihre eigenen Eltern Akademiker und ermöglichten der Tochter durchgehend den Besuch guter Schulen - auch in Großbritannien, wo Dangarembga einen Teil ihrer frühen Kindheit verbrachte. Doch gerade das schärfte ihr Bewusstsein dafür, ein Privileg genossen zu haben, das eigentlich keins sein sollte. Die Themen Chancengleichheit und Selbstbestimmung von Frauen prägen demnach das Werk der Autorin, die heute zu den wichtigsten Stimmen moderner, afrikanischer Literatur zählt.

So stellt ihr erster Roman "Nervous Conditions" (deutsch "Aufbrechen", erschienen im Orlanda Buchverlag) das Leben des Mädchens Tambudzai in den Mittelpunkt, das in den 1960er Jahren in Simbabwe aufwächst. Erst, nachdem ihr Bruder stirbt, wenden ihre Eltern das mühsam erarbeitete Schulgeld für sie auf und eröffnen Tambudzai die Chance auf eine Ausbildung. Die Hoffnung auf in ein besseres Leben erfüllt sich dennoch nicht, wie auch die nachfolgenden Teile der als Trilogie angelegten Geschichte zeigen. Tambudzai macht trotz herausragender Leistungen nicht die Karriere, die sie sich erträumt hat, und stößt sowohl in der patriarchalen Welt ihres Heimatdorfes als auch in der von weißen Männern dominierten Werbeagentur, in der sie arbeitet, immer wieder an ihre Grenzen.

Aufbrechen

Während der zweite Teil der Reihe, "The Book of Not" (2006), bisher nicht in deutscher Übersetzung erschien, ist der dritte Band "This Mournable Body" (2018) seit Herbst 2021 auch auf Deutsch erhältlich. Unter dem Titel "Überleben" kam das Buch begleitend zur Übergabe des Friedenspreises des deutschen Buchhandels heraus, der Dangarembga im Oktober 2021 in Frankfurt am Main verliehen wurde. Die Jury würdigte damit das erzählerische und filmische Werk der Autorin, die sich auch politisch gegen Korruption in ihrem Heimatland engagiert.

Dangarembgas Romandebüt wurde von der BBC in die Liste der 100 besten Bücher Afrikas aufgenommen. Mit "Überleben" stand sie im Jahr 2020 auf der Shortlist für den britischen Booker Prize. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und ihre 1993 entstandene Regiearbeit "Neria" zählt heute zu den bekanntesten Filmen Simbabwes.

Verleugnen

Mit ihren Geschichten schafft es Dangarembga immer wieder, das Dilemma aufzuzeigen, in dem sich viele Frauen auf dem afrikanischen Kontinent befinden: Benachteiligt durch Geschlecht, Hautfarbe und ihre soziale Herkunft müssen sie nicht nur gegen Rassismus und männliche Vorherrschaft behaupten, sondern auch aus den tradierten Rollenmustern ausbrechen, die ihnen in ihren Familien vorgegeben werden. Ein Kraftakt, der viel zu oft ohne Perspektive endet - und gerade deshalb immer wieder thematisiert werden muss.